Alle reden vom „Gendern“. Wir auch.

Hamburg, 18. März 2022. Zurzeit wird eine kontroverse Debatte um gendersensible Ausdrucksformen in der deutschen Sprache geführt. Dabei geht es in erster Linie darum, alle Menschen zu repräsentieren, unabhängig von ihrem sozialen Geschlecht. Sprechen wir von „Gendern“, vergessen wir oft, dass wir immer gendern – nur meistens in der männlichen Form.              

Unsere Lebenswelt ist von Männern dominiert

Entscheidende gesellschaftliche Machtpositionen waren bisher überwiegend Männern vorbehalten. Und nur sehr langsam wird diese Vormachtstellung aufgebrochen. Unsere maskulin ausgerichtete Sprache wird daher eher mit Männern assoziiert, obwohl Frauen in der Gesellschaft in der Mehrheit sind.

Frauen und (nicht-binäre) Personen sind vielleicht beim Sprechen mitgemeint, beim Hören werden sie jedoch nicht automatisch mitgedacht.  

Aktuell ist in der deutschen Sprache das „generische Maskulinum“ die Gebrauchsnorm. Generisch bedeutet in diesem Kontext „im allgemeingültigen Sinne“. Werden also gemischte Gruppen benannt, wird die maskuline Form genutzt, die dann allgemein interpretiert werden soll. Aus Sicht von gendersensiblen Menschen ist das Maskulinum nicht generisch und somit irreführend – und es ist vor allem keine Grammatik-Regel, sondern nur eine sprachliche Gewohnheit. Diese Gewohnheit kann jedoch geändert werden, damit weibliche oder nichtbinäre Personen genauso repräsentiert werden. Gesellschaftspolitisch ist dies von beachtlicher Bedeutung.

Eine Toolbox für faire Sprache

Die wichtigsten Werkzeuge für eine respektvolle, inkludierende Sprache:

  • Die einfachste Möglichkeit der gendersensiblen Sprache, ist die Beid-Nennung/Paar-Form in femininer und maskuliner Form (z. B. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter). Dies kann jedoch zur Überfrachtung in Text und Aussprache führen und berücksichtigt keine anderen geschlechtlichen Varianten.
  • Wollen wir alle Geschlechter ansprechen, benutzen wir Synonyme oder Umschreibungen: Die Leute im Team, Kollegium, Kundschaft, Steuerpflichtige, Direktion, Fachwissen, Teilnahmeliste, Reinigungspersonal…
  • Wir bilden Relativsätze: „Alle, die sich angemeldet haben, …“ statt: „Alle Angemeldeten haben …“
  • Wir wählen die direkte Anrede: Anstelle von: „Jeder muss die Vereinbarung unterschreiben“ „Bitte unterschreiben Sie die Vereinbarung.“ Bei einer Stellenanzeige zum Beispiel: „Kommen Sie in unser Team!“ So umgehen wir die Formulierung: „Bewerber*innen gesucht!“
  • Passivkonstruktionen verwenden: „Das Formular ist vollständig auszufüllen“ oder „Die Vorlage muss alle Punkte enthalten.“
  • Indefinitpronomen umformulieren: „Jemand, der so etwas sagt …“ in „Alle, die so etwas sagen …“  
  • Wenn Adjektive das Wort „Mann“ enthalten oder sich auf Personen beziehen, kann so gegendert werden: fachmännisch gleich fachkundig, Anfängerkurs gleich Einstiegskurs oder Kurs für Anfänger*innen.
  • An sich schon geschlechtsneutrale Wörter werden nicht gegendert, wie z. B. das Wort Mensch. Dieses Wort ist grammatikalisch gesehen zwar männlich, es bezeichnet aber sowohl Männer als auch Frauen und nichtbinäre Personen. Folgende Wörter haben auch kein feststehendes, grammatikalisches Geschlecht: die Person, das Mitglied, der Star, der Nerd, das Kind, das Individuum, der Liebling etc.

Satz- und Sonderzeichen machen sichtbarer

Durch eine gendersensible Ausdrucksweise wird eine Veränderung der binären Sprachwirklichkeit geschaffen. Sprache soll ausdrücken, dass es mehr als zwei Geschlechter gibt. Die Schreibweise soll also im Idealfall diverse Geschlechtsidentitäten repräsentieren. Drei Sonderzeichen setzten sich bisher dafür durch: der Gender_Gap (Unterstrich), der Asterisk (das Gender*Sternchen) und der Doppelpunkt.

Die Medienwissenschaft argumentiert, dass der wichtigste Punkt der gendergerechten Sprache die Irritation im Lesefluss sei. In dem Moment verändere sich die Wahrnehmung. Das „darüber Stolpern“ sei durchaus gewollt.

Der Doppelpunkt erscheint zur gendersensiblen Sprache jenseits zweier Geschlechter ungeeignet, da er wenig irritiert und weil ihm nur die feminine Subjektform folgt, also die Endung :in/:innen. Die beiden favorisierten Sonderzeichen dagegen schaffen Freiraum, der stellvertretend für diverse Identitäten steht: Techniker*innen, Autor_in, Metzger*in, Politiker_in …

Einmal mit Lücke sprechen, bitte!

Mittlerweile werden der geschriebene Gendergap oder das Gendersternchen mit einer Pause während des Sprechens markiert. In unserer deutschen Hochsprache ist der kleine Knacklaut allgegenwärtig, z. B. in den Wörtern ver-reisen, auf-essen, Spiegel-ei, Ver-ein, ge-erbt …) Wir nennen ihn auch Glottisschlag und denken beim Sprechen gar nicht über ihn nach.

Wollen wir jedoch gendersensibel sprechen, machen wir diese minikleine Pause ganz bewusst zwischen dem männlichen Wortstamm und den weiblichen Nachsilben -in oder -innen aber ohne weitere Betonung: Nachbar*in, Schüler*innen, Absolvent_in etc.

Ist die (persönliche) Anrede „Sehr geehrte Damen und Herren“ noch zeitgemäß? Ja, wenn es über die Geschlechterzugehörigkeiten keine Unsicherheit gibt. Personen mit nichtbinärer Geschlechtsidentität können damit leben – sie freuen sich dann über den Glottisschlag: „Sehr geehrte Zuhörer*innen“. Im Schriftverkehr oder in der persönlichen Anrede bietet sich auch ein „Guten Tag, Vorname, Nachname“ als Anrede an, was allerdings für viele Menschen (noch) etwas unpersönlich oder auch distanzlos klingt.

Für Ansprachen klingt ein neutrales „Guten Tag Ihnen allen“ positiv, ebenso wie „Liebe Gäste“, „Herzlich willkommen in/bei …“, „Liebes Vertriebsteam“,“ Liebes Kollegium“ … Gesellschaftlicher Wandel schlägt sich immer auch in der Sprache nieder. Unsere Haltung verändert die Sprache, nicht andersherum. Änderungen kommen aus der Kultur heraus und dann formt Sprache wiederum unser Denken und Handeln – sie transportiert Einstellungen, Bewertungen und Haltungen. Situatives Gendern, also faire Sprache an den Stellen, an denen es sinnvoll und nötig ist, ist eine Haltungsfrage. Natürlich ist mit gendersensibler Sprache die Welt nicht automatisch gerechter. Aber sie ist ein Mittel, das parallel eingesetzt werden kann.

Redaktion: Susanne Helbach-Grosser, TAKT & STIL, Imme Vogelsang, iv-imagetraining

Weitere Artikel

Kill a stupid rule

Hamburg, 5. Oktober 2022. Wie wir miteinander umgehen, welche Sprache wir als respektvolle Mitmenschen gebrauchen, was wir also als richtig oder falsch betrachten, ist das

Warum wir politisch korrekte Sprache brauchen

Zwei hochaktuelle Debatten um politische Korrektheit prägen zurzeit unseren Wortschatz: zum einen unsere gendersensible Sprachwahl, zum anderen die Diskussion über Rassismus, rassistische Wörter und Bemerkungen.

Abstand ist der neue Anstand

Hamburg, 16. Juni 2022. Nach mehr als zwei Jahren Pandemie ist es nicht mehr selbstverständlich, sich zur Begrüßung die Hand zu geben. Den Impuls dazu