Schlagfertig ohne zu schlagen: Gekonnt kontern

Hamburg, 31. Januar 2022. Schon Marc Twain stellte fest: „Schlagfertigkeit ist etwas, worauf man erst 24 Stunden später kommt!“ Diese Erfahrung haben bestimmt alle schon einmal gemacht. Oft sind wir erstmal nur sprachlos, wenn uns der Kollege mitten im Meeting mit einem blöden Spruch kommt oder die Nachbarin mal wieder stichelt. Dabei ist Schlagfertigkeit trainierbar. Grundvoraussetzung ist ein gutes Selbstwertgefühl, daraus resultierend ein selbstbewusstes Auftreten und eine souveräne Körperhaltung.

Fahren Sie Ihren inneren Schutzschild hoch

Dadurch bieten Sie weniger Angriffsfläche und signalisieren: „Mich haut so schnell nichts um!“ Kommt es dennoch zu einer bösartigen Bemerkung, können Sie auch sehr gut nonverbal reagieren. Niemand muss auf alles antworten und sich schon gar nicht entschuldigen oder rechtfertigen, denn damit katapultieren Sie sich sofort in die Opferrolle. Eine hochgezogene Augenbraue (unbedingt trainieren!) und ein selbstbewusster Blick vermitteln dem Gegenüber den Eindruck: „Mit mir nicht!“ Danach kehren Sie zur Sache zurück, lenken den Fokus wieder auf das Wesentliche, oder, je nach Schwere der Bemerkung, lassen Sie die Person einfach stehen und gehen.

Kurzkommentare und Zweisilbenantworten

Eine weitere Strategie sind Kurzkommentare und Zweisilbenantworten, denn innerhalb von drei Sekunden entscheidet sich, ob wir vom Gegenüber als schlagfertig oder schwach wahrgenommen werden. Diese sind leicht zu merken und sehr effektiv. Angela Merkel reagierte auf die Bemerkung des damaligen US-Botschafters Richard Grenell, Donald Trump hätte sie ja regelrecht verzaubert, lediglich mit dem Kurzkommentar: „Ach was.“ Und damit entzauberte sie sowohl die Bemerkung an sich als auch Richard Grenell. Weitere sehr gut einsetzbare Kurzkommentare sind zum Beispiel: „Echt jetzt!“, So, so!“, „Dito!“, „Sieh an!“, das bayerische „Basst scho!“ oder norddeutsch: „Jo!“ oder „Läuft!“. Diese Antworten sind besser als Stillschweigen und geben einem das Gefühl, nicht hilflos der Situation ausgeliefert gewesen zu sein.

Zitate und Gegenfragen

Auch Sprichwörter und Zitate können wunderbar schlagfertige Werkzeuge sein: Wie Robert Koch schon sagte: „Diese Frage ist so gut, dass ich sie nicht durch meine Antwort verderben möchte.“ Oder François Mitterand: „Ich könnte Ihre Frage jetzt beantworten, aber hinterher würde es uns beiden leidtun.“

Eine andere souveräne Reaktion ist es, offene Gegenfragen zu stellen: „Vielen Dank für Ihre interessante Frage, Frau XY. Was genau stört Sie denn an meinem Vorschlag?“ oder: „Können Sie Ihre Frage bitte konkretisieren?“ Dadurch hat man selbst etwas Zeit gewonnen, um sich eine gute Antwort zu überlegen.

Argumentationsaikido

Bei unangenehmen Attacken ist es kontraproduktiv, sich für den verbalen Gegenangriff auf das gleiche Niveau zu begeben, das lässt die Situation schnell eskalieren. Für eine Deeskalation empfiehlt sich das „Argumentationsaikido“: Die Energie des Angreifers wird wieder auf die Sache gelenkt. Aikido ist eine alte Kampfsportart, welche die Kunst lehrt, die Angriffsenergie zu nutzen, indem man sie umleitet und für den Gegenschlag einsetzt. Mit diesem Ansatz lässt sich auch eine rhetorische Schlagfertigkeit üben, welche die Grenzen des grundlegenden Respekts und der Empathie beachtet.

Also: Kurz in den Bauch atmen, Blickkontakt aufbauen, aufrechte Körperhaltung und erst dann beginnen zu sprechen: „Herr XY, (kurze Sprechpause) Ihre unqualifizierte Bemerkung kommentiere ich an dieser Stelle nicht und schlage vor, dass wir uns nun weiter mit dem Tagesordnungspunkt 5 beschäftigen.“ Bei Attacken unter der Gürtellinie empfiehlt es sich, ein Gespräch souverän abzubrechen: „Herr XY, auf diesem Niveau möchte ich das Gespräch mit Ihnen nicht weiterführen. Gern können wir uns morgen noch einmal zusammensetzen, wenn Sie emotional wieder abgerüstet haben.“

Bei allen Reaktionen ist es wichtig, erstmal durchzuatmen, ruhig zu bleiben, eine überzeugende Körperhaltung einzunehmen, langsam und deutlich zu sprechen und sich nicht auf das niedrige Niveau seines Gegenübers zu begeben. Schon der Schriftsteller Heinrich Böll wusste: „Höflichkeit ist die sicherste Form der Verachtung.“

Redaktion: Kristin Koschani-Bongers, Imme Vogelsang, iv-imagetraining

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